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Artensterben: Was der Weltbiodiversitätsrat und die Forschung über den Verlust der Arten belegen

Redaktion Netz vier,

Nach dem globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES von 2019 sind rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, viele innerhalb von Jahrzehnten; Hauptursache ist die veränderte Nutzung von Land und Meer IPBES 20191. Eine Studie von 2015 schätzt, dass Wirbeltiere im letzten Jahrhundert bis zu 100-mal schneller ausstarben als im natürlichen Hintergrund Science Advances (via PubMed Central) 20153.

Eckdaten

PunktBefundBeleg
Bedrohte ArtenRund 1 Mio. Tier- und Pflanzenarten (IPBES Global Assessment 2019)IPBES 2019
Grundlage des Berichts145 Hauptautoren aus 50 Ländern, weitere 310 beitragende AutorenIPBES 2019
Hauptursachen (Rangfolge)Land- und Meeresnutzung, direkte Ausbeutung, Klimawandel, Verschmutzung, invasive ArtenIPBES 2019
Aussterberate WirbeltiereIm 20. Jahrhundert bis zu 100-mal höher als die Hintergrundrate (konservative Schätzung)Science Advances (via PubMed Central) 2015
Insekten in DeutschlandÜber 75 % Rückgang der Biomasse fliegender Insekten in 27 Jahren, 63 SchutzgebietePLOS ONE 2017

Wie steht es um die Artenvielfalt?

Die Artenvielfalt nimmt weltweit in einem Tempo ab, das es in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat. Zu diesem Schluss kam der Weltbiodiversitätsrat IPBES in seinem globalen Bericht von 2019, dessen Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger im Mai 2019 in Paris verabschiedet wurde IPBES 20192. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht, viele davon innerhalb von Jahrzehnten IPBES 20191.

Schlagworte wie „Massensterben“ sind in Debatten über die Zukunft der Gesellschaft verbreitet. Das Thema ist ernst und wissenschaftlich gut belegt. Gerade deshalb lohnt es, die Zahlen genau zu lesen und sie nicht für Untergangsszenarien zu verwenden, die sie nicht hergeben.

Worauf beruht der IPBES-Bericht?

Der Bericht ist die bisher umfassendste Bewertung des Zustands der Natur. Er wurde von 145 Hauptautoren aus 50 Ländern über drei Jahre erarbeitet, unterstützt von weiteren 310 beitragenden Autoren, und betrachtet die Veränderungen der letzten fünf Jahrzehnte IPBES 20191. IPBES ist ein zwischenstaatliches Gremium; seine Berichte werden von den Mitgliedstaaten angenommen, ähnlich wie beim Weltklimarat.

Einige Kernbefunde IPBES 20191:

  • Die durchschnittliche Häufigkeit heimischer Arten in den meisten großen Landlebensräumen ist seit 1900 um mindestens 20 Prozent gesunken.
  • Mehr als 40 Prozent der Amphibienarten, fast 33 Prozent der riffbildenden Korallen und mehr als ein Drittel der Meeressäuger sind bedroht; für Insekten wird vorläufig von etwa 10 Prozent ausgegangen.
  • Seit dem 16. Jahrhundert sind mindestens 680 Wirbeltierarten ausgestorben.
  • 75 Prozent der Landoberfläche und rund 66 Prozent der Meeresumwelt sind durch menschliches Handeln erheblich verändert.

Was sind die Ursachen?

IPBES hat erstmals in diesem Umfang die fünf direkten Treiber nach ihrem globalen Einfluss gereiht. In absteigender Reihenfolge sind das veränderte Land- und Meeresnutzung, direkte Ausbeutung von Organismen, Klimawandel, Verschmutzung und invasive gebietsfremde Arten IPBES 20191. Als indirekte Treiber nennt der Bericht unter anderem Bevölkerungswachstum und Pro-Kopf-Konsum, technische Entwicklung sowie Fragen von Regierungsführung und Verantwortlichkeit IPBES 20191.

Der Befund zeigt, dass Artenschutz vor allem eine Frage der Landnutzung ist. Er ist damit eng mit Agrar-, Handels- und Raumordnungspolitik verbunden, also mit Entscheidungen, die in demokratischen Verfahren getroffen werden.

Ist das ein sechstes Massenaussterben?

Die Frage ist wissenschaftlich ernst gemeint, die Antwort hängt von Definition und Messung ab. In der Erdgeschichte gab es fünf große Massenaussterben. Gerardo Ceballos und Kollegen prüften 2015 mit bewusst vorsichtigen Annahmen, ob die heutige Rate darüber liegt: Selbst mit einer Hintergrundrate, die doppelt so hoch angesetzt war wie in früheren Schätzungen, lag der Verlust an Wirbeltierarten im letzten Jahrhundert bis zu 100-mal über dem natürlichen Hintergrund Science Advances (via PubMed Central) 20153. Arten, die in 100 Jahren verschwunden sind, hätten bei normaler Rate 800 bis 10.000 Jahre gebraucht Science Advances (via PubMed Central) 20153. Die Autoren folgern, dass ein sechstes Massenaussterben bereits begonnen habe.

Einwände betreffen vor allem den Vergleich: Frühere Massenaussterben haben jeweils einen großen Teil aller Arten über geologische Zeiträume ausgelöscht. Ob die heutige Entwicklung dieses Ausmaß erreicht, hängt davon ab, was in den nächsten Jahrzehnten geschieht. „Begonnen“ heißt deshalb nicht „unabwendbar“; die Ceballos-Studie selbst endet mit dem Hinweis, dass schnelle Schutzmaßnahmen den Verlust noch abwenden könnten Science Advances (via PubMed Central) 20153.

Was weiß man über Deutschland?

Für Deutschland ist eine Langzeitstudie zu Insekten besonders bekannt geworden. Forscher werteten über 27 Jahre Fallenfänge in 63 Schutzgebieten aus und fanden einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um mehr als 75 Prozent PLOS ONE 20174. Bemerkenswert ist, dass die Daten aus Schutzgebieten stammen, also aus Flächen, die eigentlich die Natur bewahren sollen.

Befund Wert Quelle
Bedrohte Arten weltweit rund 1 Mio. IPBES 2019
Bedrohte Amphibienarten über 40 % IPBES 2019
Wirbeltier-Aussterberate bis zu 100-mal Hintergrund Ceballos u. a. 2015
Fluginsekten-Biomasse Deutschland über 75 % Rückgang in 27 Jahren Hallmann u. a. 2017

Was folgt daraus politisch?

Der Verlust der Artenvielfalt ist ein Thema für Parlamente, nicht für Endzeitstimmung. Die Ursachen sind bekannt und lassen sich politisch beeinflussen: Flächennutzung, Pestizideinsatz, Schutzgebietsmanagement, Konsum und Handel. IPBES betont, dass grundlegende, transformative Veränderungen nötig seien, Widerstände von Interessengruppen aber im Sinne des Gemeinwohls überwunden werden könnten IPBES 20191. Wie Wachstumsfragen in diese Debatte hineinspielen, behandelt der Beitrag über Postwachstum.

Anmerkungen und Belege

  1. IPBES (2019): Nature's Dangerous Decline 'Unprecedented'; Species Extinction Rates 'Accelerating' (Media Release, Global Assessment). ipbes.net/news/Media-Release-Global-Assessment, eingesehen am 02.10.2026.
  2. IPBES (2019): Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services. ipbes.net/global-assessment, eingesehen am 02.10.2026.
  3. Science Advances (via PubMed Central) (Gerardo Ceballos u. a.) (2015): Accelerated modern human–induced species losses: Entering the sixth mass extinction. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4640606/, eingesehen am 02.10.2026.
  4. PLOS ONE (Caspar A. Hallmann u. a.) (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. journals.plos.org/plosone/article, eingesehen am 02.10.2026.

Nachgefragt

Wie viele Arten sind vom Aussterben bedroht?

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES schätzte 2019, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten bedroht sind, viele davon innerhalb von Jahrzehnten IPBES 20191. Bei Amphibien sind mehr als 40 Prozent der Arten bedroht.

Erleben wir ein sechstes Massenaussterben?

Eine viel zitierte Studie von Gerardo Ceballos und Kollegen kam 2015 mit bewusst vorsichtigen Annahmen zu dem Ergebnis, dass ein sechstes Massenaussterben bereits begonnen habe Science Advances (via PubMed Central) 20153. Der Begriff ist in der Forschung verbreitet, aber umstritten, weil frühere Massenaussterben über viel längere Zeiträume gemessen wurden.

Was sind die Hauptursachen des Artensterbens?

IPBES nennt in absteigender Reihenfolge die veränderte Nutzung von Land und Meer, die direkte Ausbeutung von Organismen, den Klimawandel, Verschmutzung und invasive gebietsfremde Arten IPBES 20191.

Gibt es Daten aus Deutschland?

Eine 2017 veröffentlichte Studie maß in 63 deutschen Schutzgebieten über 27 Jahre einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um mehr als 75 Prozent PLOS ONE 20174.