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Geldreform: Was Vollgeld, Freigeld und Regionalgeld versprechen und was daraus wurde

Redaktion Netz vier,

Geldreformer wollen die Geldschöpfung neu ordnen: Die Vollgeld-Idee will sie allein der Zentralbank übertragen und scheiterte 2018 in der Schweiz mit 24,28 Prozent Ja-Stimmen Swissvotes, Universität Bern 20182; Silvio Gesells Freigeld verliert über die Zeit an Wert und wurde 1932/33 im österreichischen Wörgl erprobt Wikipedia: Wörgler Schwundgeld3. Dass Banken durch Kreditvergabe Buchgeld schaffen, bestätigt auch die Bundesbank Deutsche Bundesbank 20171.

Eckdaten

PunktBefundBeleg
Geldschöpfung durch BankenBankkredite schaffen Buchgeld; unabhängig von vorhandenen Überschussreserven oder EinlagenDeutsche Bundesbank 2017
Vollgeld-Initiative Schweiz10. Juni 2018: 24,28 % Ja, 0 von 23 StandesstimmenSwissvotes, Universität Bern 2018
Wörgler SchwundgeldJuni 1932 bis September 1933, eingestellt nach GerichtsprozessWikipedia: Wörgler Schwundgeld
ChiemgauerRegiogeld, gegründet Januar 2003 als Schülerprojekt in PrienWikipedia: Chiemgauer

Was wollen Geldreformer?

Geldreformer sehen im heutigen Geldsystem eine Ursache für Krisen, Verschuldung und Wachstumszwang und wollen deshalb die Regeln der Geldschöpfung ändern. Die Vorschläge reichen von einer vollständigen Verstaatlichung der Geldschöpfung bis zu lokalen Komplementärwährungen. Kritiker werfen Geldreformern dagegen vor, andere Ursachen zu übersehen. Wir prüfen, was an den Grundannahmen stimmt und was die Praxis gezeigt hat.

Wie entsteht heute Geld?

Der größte Teil des Geldes, mit dem Haushalte und Unternehmen bezahlen, ist Buchgeld, das Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe schaffen. Die Deutsche Bundesbank beschreibt diesen Vorgang als Buchungsvorgang und stellt fest, dass die Fähigkeit einer Bank, Kredite zu vergeben und Geld zu schaffen, nichts damit zu tun hat, ob sie bereits Überschussreserven oder Einlagen besitzt Deutsche Bundesbank 20171. Begrenzt wird die Geldschöpfung durch die Notwendigkeit, profitabel zu wirtschaften, durch mikro- und makroprudenzielle Regulierung, durch die Kreditnachfrage und durch die Zinspolitik der Zentralbank Deutsche Bundesbank 20171.

Insoweit haben Geldreformer mit einer Grundbeobachtung recht. Strittig ist, welche Folgen daraus zu ziehen sind.

Was ist Vollgeld, und wie stimmte die Schweiz ab?

Vollgeld bedeutet, dass nur noch die Zentralbank Geld schafft und Banken lediglich Geld verleihen, das sie selbst haben oder sich leihen. Die Schweizer Volksinitiative „Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank!“ wollte das in der Bundesverfassung verankern Swissvotes, Universität Bern 20182. Am 10. Juni 2018 stimmten 24,28 Prozent dafür, kein einziger der 23 Kantone nahm sie an Swissvotes, Universität Bern 20182.

Befürworter versprachen mehr Stabilität und Einnahmen für den Staat. Gegner warnten vor Risiken für Kreditversorgung und Finanzplatz und vor einem Experiment ohne Vorbild. Das klare Ergebnis zeigt, dass die Idee selbst in einem Land mit geübter direkter Demokratie keine Mehrheit fand.

Was ist Freigeld, und was geschah in Wörgl?

Freigeld ist das Konzept des Kaufmanns und Finanztheoretikers Silvio Gesell, der es in seinem Buch „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ entwickelte Wikipedia: Silvio Gesell4. Das Geld verliert, wenn es nicht ausgegeben wird, regelmäßig an Wert; so soll es schneller umlaufen und Zinsen als Hortungsprämie unnötig machen.

Gesell war selbst kurzzeitig politisch tätig: In der Münchner Räterepublik 1919 amtierte er auf Vorschlag von Erich Mühsam und Gustav Landauer als Finanzminister Wikipedia: Silvio Gesell4. Seine Ideen wurden sehr unterschiedlich aufgenommen: von Anarchisten wie Landauer ebenso wie in den 1920er-Jahren in der antisemitischen Deutschsozialistischen Partei, wo Gesell-Anhänger mit denen Gottfried Feders um ein Wirtschaftsprogramm rangen Wikipedia: Silvio Gesell4. Wer sich auf Gesell beruft, sollte diese Rezeptionsgeschichte kennen.

Das bekannteste Experiment fand in der österreichischen Gemeinde Wörgl statt. Bürgermeister Michael Unterguggenberger führte im Juni 1932 während der Weltwirtschaftskrise umlaufgesichertes Freigeld als Komplementärwährung ein; nach einem Gerichtsprozess musste das Experiment im September 1933 eingestellt werden Wikipedia: Wörgler Schwundgeld3. Anhänger verweisen auf die belebte örtliche Wirtschaft; die kurze Dauer und die Ausnahmesituation der Krise erlauben aber kaum Schlüsse auf eine ganze Volkswirtschaft.

Was leisten Regionalgelder heute?

Regionalgelder setzen Gesells Idee in kleinem Maßstab und legal als Gutscheinsystem um. Der Chiemgauer wurde im Januar 2003 als Schülerprojekt der Waldorfschule Chiemgau in Prien gegründet und gehört zu den bekanntesten Regiogeldern in Deutschland Wikipedia: Chiemgauer5. Solche Währungen sollen Kaufkraft in der Region halten und lokale Netzwerke stärken; ihre Umsätze sind im Vergleich zum Euro gering.

Der Chiemgauer übernimmt dabei ein Element von Gesells Freigeld: Eingetauschte Gutscheine sind sechs Monate gültig und lassen sich danach nur mit einer Klebemarke im Wert von 3 Prozent verlängern Wikipedia: Chiemgauer5. So soll das Geld schneller ausgegeben werden, statt liegen zu bleiben.

Ansatz Kernidee Praxistest
Vollgeld Nur die Zentralbank schöpft Geld Schweiz 2018: 24,28 % Ja Swissvotes, Universität Bern 20182
Freigeld Geld verliert bei Hortung an Wert Wörgl 1932–1933, gerichtlich beendet Wikipedia: Wörgler Schwundgeld3
Regionalgeld Gutscheine stärken lokale Kreisläufe Chiemgauer seit 2003 Wikipedia: Chiemgauer5

Wie lässt sich die Debatte einordnen?

Die Geldordnung ist ein legitimes Thema demokratischer Debatte, aber selten die einzige Ursache gesellschaftlicher Probleme. Verschuldung, Ungleichheit und Umweltzerstörung haben viele Ursachen, darunter Steuerpolitik, Eigentumsverhältnisse und Preise, die ökologische Kosten nicht abbilden. Wer eine Geldreform fordert, sollte erklären, wie sie mit diesen anderen Hebeln zusammenwirkt. Verwandte Debatten behandeln die Beiträge über Postwachstum und das Grundeinkommen.

Anmerkungen und Belege

  1. Deutsche Bundesbank (2017): The role of banks, non-banks and the central bank in the money creation process (Monthly Report April 2017). bundesbank.de/resource/blob/654284/df66c4444d06…, eingesehen am 02.10.2026.
  2. Swissvotes, Universität Bern (2018): Vollgeld-Initiative, Abstimmung Nr. 618. swissvotes.ch/vote/618.00, eingesehen am 02.10.2026.
  3. Wikipedia: Wörgler Schwundgeld — Wikipedia: Wörgler Schwundgeld. de.wikipedia.org/wiki/Wörgler_Schwundgeld, eingesehen am 02.10.2026.
  4. Wikipedia: Silvio Gesell — Wikipedia: Silvio Gesell. de.wikipedia.org/wiki/Silvio_Gesell, eingesehen am 02.10.2026.
  5. Wikipedia: Chiemgauer — Wikipedia: Chiemgauer. de.wikipedia.org/wiki/Chiemgauer, eingesehen am 02.10.2026.

Nachgefragt

Schaffen Banken Geld aus dem Nichts?

Banken schaffen Buchgeld, wenn sie Kredite vergeben; ihre Fähigkeit dazu hängt nach der Bundesbank nicht davon ab, ob sie bereits Überschussreserven oder Einlagen haben Deutsche Bundesbank 20171. Begrenzt wird sie durch Rentabilität, Regulierung, Kreditnachfrage und die Zinspolitik der Zentralbank.

Was ist Vollgeld?

Vollgeld bezeichnet ein System, in dem allein die Zentralbank Geld schöpft und Bankguthaben vollständig durch Zentralbankgeld gedeckt sind. In der Schweiz wurde eine entsprechende Volksinitiative am 10. Juni 2018 mit 24,28 Prozent Ja-Stimmen abgelehnt Swissvotes, Universität Bern 20182.

Was ist Freigeld?

Freigeld ist Silvio Gesells Konzept eines umlaufgesicherten Geldes, das bei Nichtgebrauch an Wert verliert und so zum Ausgeben anregen soll Wikipedia: Silvio Gesell4. Bekanntestes Experiment ist das Wörgler Schwundgeld von 1932/33 Wikipedia: Wörgler Schwundgeld3.

Sind Regionalwährungen legal?

Regionalgelder wie der Chiemgauer funktionieren als Gutscheinsysteme neben dem Euro und sind kein gesetzliches Zahlungsmittel Wikipedia: Chiemgauer5. Das Wörgler Experiment endete dagegen 1933 nach einem Gerichtsprozess Wikipedia: Wörgler Schwundgeld3.